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Die Legende von Plush
Lore zum Spiel "Plush · Die Stadt braucht einen Freund"

Das große Feuer
Die Geschichte von Plush begann damit, dass ihr die Stadtbewohner diesen Namen gaben, nachdem sie hier aufgetaucht war und bald darauf deren Unmut auf sich gezogen hatte. Um ihre Herkunft hatten sich zahlreiche Legenden gebildet; eine ging ungefähr so.
Es war einmal eine Zauberschule und wie in jeder Zauberschule gab es auch in dieser praktische Übungen. Eine bestand darin, eine Puppe zu basteln und dieser Leben einzuhauchen.
Einer der Zauberschüler hatte mal wieder bis knapp vor dem Abgabetermin gewartet und nähte nun eilig aus dem roten Stoff seiner alten Socken eine Hülle für Kopf, Rumpf und Arme. Diese füllte er mit Stroh, das an den Enden der Arme die Hände bildete. Für die Beine steckte er zwei halbwegs gerade Zweige in das gepolsterte Ding.
Im Gesicht wurden zwei Knöpfe als Nasenlöcher und ein Holzstück als Mund befestigt. Kleine spitze Hörner und bernsteingelbe Augen verliehen dem verwegenen Antlitz den letzten Schliff. Auf den Bauch nähte er noch schnell ein paar Knöpfe, so dass es aussah wie eine Weste.
Zu guter Letzt als der Morgen bereits graute, hauchte der übermüdete Adept der Puppe mit einem leise gemurmelten Zauberspruch Leben ein.
Am Ende der Übung war es brutalerweise Brauch, die lebendig gezauberten Puppen allesamt in ein großes Feuer zu werfen. Dieser Zerstörung konnte Plush, wie sie damals noch nicht hieß, jedoch entgehen. Der experimentierfreudige Magie Azubi hatte ihr nämlich die Fähigkeit mitgegeben, Feuer standzuhalten und sogar dessen Kraft in sich aufzunehmen. Nachdem sie sich am Morgen nach der Feuersbrunst die Asche aus dem Sockengewand geklopft hatte, zog sie los und gelangte schließlich in eine Stadt, in der sie beschloss, sich niederzulassen.
Soweit die Legende. Jedenfalls lebte sie nun hier und hatte es geschafft, sich einen berüchtigten Namen zu machen. Plush bringe, so hieß es, nur Unglück.
Die singenden Fenster
Da tagsüber in der Stadt zu viel los war, verbrachte Plush die Zeit meistens auf einem Dachboden oder in einem Keller. Erst in der Nacht kam sie heraus und erkundete die Stadt. Die hell erleuchteten Fenster machten sie neugierig. Gerne sprang sie zu ihnen hinauf, um einen Blick zu riskieren, was zur Folge hatte, dass die Wesen hinter den Fenstern einen faszinierenden Gesang anstimmten und die hell erleuchteten Fenster sich in dunkle verwandelten.
Plush hatte ihr Spiel entdeckt. Ihr Ziel war es, in der Zeit von Mitternacht bis 1 Uhr morgens so viele Fenster wie möglich zum Singen zu bringen. Sie wurde immer besser darin. Danach schlief sie erschöpft und zufrieden ein. Es freute sie sehr, dass sie die Bewohner dieser Stadt so gut aufnahmen.
Die tanzenden Fußgänger
Auf ihren nächtlichen Spaziergängen traf Plush hin und wieder auf Stadtbewohner. Diese machten sofort Kehrt, sobald sie Plush bemerkten. “Die sind aber schüchtern”, dachte sie voller Verständnis, war sie ja selber nicht gerade die extrovertierteste Natur. Plush lernte mit der Zeit, wie sie sich am besten an die nächtlichen Gestalten heranpirschen konnte. Wenn sie anschließend einen dieser Fußgänger, wie sie sie nannte, leicht anstupste, drehte sich dieser um, vollführte einen faszinierenden Tanz und suchte danach das Weite.
Plush war entzückt. Sie hatte das zweite Level ihres Spiels entdeckt. Ihr Ziel war, in der Zeit von 1 bis 2 Uhr morgens so viele Fenster wie möglich zum Singen und so viele Fußgänger wie möglich zum Tanzen zu bringen. Auch darin wurde sie schnell eine Meisterin. Danach schlief sie erschöpft und zufrieden ein und träumte von der Stadt, in der sie ein Zuhause gefunden hatte.
Helmut und die dämmrigen Fenster
Die Stadtbewohner waren sehr aufgebracht. So konnte es nicht weitergehen, ständig diese Ruhestörungen. Irgendwann legte sich die Stimmung, und Vorschläge wurden besprochen, wie der Lage Herr zu werden war, wie man dieses lästige Ungetüm loswerden konnte. Schließlich einigte sich der Stadtrat auf folgende Maßnahmen: hinter einigen Fenstern sollten bewaffnete Stadtbewohner postiert werden, um Plush aufzulauern, und zusätzlich wurde der schnelle Helmut engagiert, um Plush umzufahren.
Der schnelle Helmut war ein ehemaliger Rennfahrer, der sich nun als Auftragskiller verdingte. Da er ständig einen undurchsichtigen Helm trug, hatte noch nie jemand sein Gesicht gesehen.
Nachdem Plush das erste Mal von Helmut überfahren wurde, war sie überrascht: Nach einem kurzen Abstecher im Stoffpuppen-Limbo befand sie sich wieder unversehrt in ihrer Heimatstadt. “Ach, da hat mir ja mein zauberhafter Erschöpfer nicht nur eines, sondern gleich mehrere Leben mitgegeben”, dachte Plush. Schnell lernte sie, dass auch die dämmrigen Fenster ihr ein Leben kosten konnten.
Plush merkte, dass die Tonart rauher geworden war. Aber sie wollte keine Spielverderberin sein, und so machte sie beim dritten Level ihres Spiels mit. Von 2 bis 3 Uhr morgens brachte sie so viele Fenster wie möglich zum Singen und so viele Fußgänger wie möglich zum Tanzen. Sie sprang in die Höhe, wenn Helmut daherraste, und vermied, so gut es ging, die dämmrigen Fenster. Auch in diesem Level fand sie zur Meisterschaft. Danach war sie erschöpfter als sonst, schlief aber nicht mehr so gut ein. “Wieviele Leben ich wohl noch habe?” dachte sie.
Die Mikrotöne
Erneut tagten die Stadtbewohner. Weder Helmut noch die dämmrigen Fenster hatten etwas gegen Plush ausrichten können. Immer noch trieb dieses Monster sein Unwesen, verbreitete Angst und Schrecken unter den friedlichen Bewohnern dieser schönen Stadt.
Ein Herr mit weit aufgerissenen geröteten Augen meldete sich zu Wort. Er hatte in seinem Labor eine Bande genetisch modifizierter Gelsen herangezogen. Diese Viecher zeichneten sich durch extreme Aggressivität und Skrupellosigkeit aus und waren in der Lage, mit tödlichen Schallgeschossen ein vorprogrammiertes Ziel zu attackieren. Der Mann nannte sie zärtlich seine kleinen Mikrotöne.
Dass diese Moskitos aus der Hölle auf Plush losgelassen werden sollten, wurde vom Stadtrat einstimmig beschlossen.
Als Plush das erste Mal auf die Mikrotöne traf und sie aus dem Flug ihre Schallgeschosse auf sie richteten, wurde in ihr die Kraft des Feuers aktiviert, die sie seinerzeit in sich aufgenommen hatte. Reflexartig schossen flammende Bälle aus ihren Strohhänden in Richtung der Angreifer. Ein Mikroton nach dem anderen brutzelte dahin.
Plush spielte auch ihr viertes Level mit und sie spielte es gut. Von 3 bis 4 Uhr morgens brachte sie Fenster zum Singen und Fußgänger zum Tanzen, wich Helmut aus, mied die dämmrigen Fenster, mied Schallgeschosse und brutzelte Mikrotöne vom Himmel.
Danach war sie erschöpft, aber Schlaf fand sie nur noch schwer. Die Bewohner dieser Stadt waren ihr wohl doch nicht so wohlgesonnen, wie sie geglaubt hatte. “Was habe ich bloß falsch gemacht?”, fragte sie sich.
Die Stadt findet einen Freund
Die Stadtbewohner tagten erneut und waren kaum zu beruhigen; Hysterie und Verzweiflung machten sich breit. Wie konnte man gegen diese mit Feuerbällen um sich werfenden Teufelin ankommen? Es wurde beschlossen, den Schusswaffengebrauch gegen Plush generell zu erlauben. Die ehemals schüchternen Fußgänger suchten nun nicht mehr das Weite, wenn sie Plush bemerkten. Stattdessen gingen sie schnurstracks auf sie los und begannen, mit Projektilen auf sie zu schießen.
Und wieder meldete sich die Kraft des Feuers als Plushs Antwort. Feuerbälle flogen aus ihren Strohhänden in Richtung der angreifenden Fußgänger und rösteten sie.
Fenster zum Singen bringen, Fußgänger zum Tanzen bringen oder rösten, Mikrotöne brutzeln, Projektilen, Geschossen, Helmut und den dämmrigen Fenstern ausweichen. Plush war sicher, dass sie ihr fünftes Level von 4 bis 5 Uhr morgens nicht überleben würde, aber es war für sie eine Frage der Ehre so lange durchzuhalten wie möglich.
Irgendwann stoppte die Welle der Aggression, und es wurde ruhig. Plush erblickte ein seltsames Wesen. Es hatte die Form eines Flusses mit einem Hauptstrom als Körper und mehreren Seitenarmen als Gliedmaßen, bewegte sich in fließenden Bewegungen auf Plush zu und suchte nicht das Weite, als Plush es anstupste. Das Wesen stellte sich als River vor und meinte, sie könnten versuchen, Freunde zu werden. “Ja”, dachte Plush, “das wollte sie gerne versuchen.”
Als die Stadtbewohner sahen, dass von Plush gar keine Gefahr ausging, schämten sie sich ein wenig. Der schnelle Helmut und die Mikrotöne wurden sofort zurückgepfiffen. Der generelle Schusswaffenerlass wurde aufgehoben und auch die Bewohner hinter den dämmrigen Fenstern verließen ihren Posten.
Epilog
Heute ist Plush erfolgreiche Textilunternehmerin und Expertin für Strickwaren. Ihren Spieltrieb lebt sie als geschätztes Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr aus. Und das Anstupsen-Spiel macht sie nur noch bei River, der es ihr nicht übel nimmt.




